Klipsch feiert 80 Jahre und schickt zum Jubiläum drei neue Aktivlautsprecher raus. Klipsch The Fives II, Sevens II, Nines II sind keine Facelifts — die Elektronik wurde von Grund auf neu gebaut, gemeinsam mit Onkyo, beide unter dem Dach der Gentex Corporation. Das ist ein ungewöhnlicher Move, der auf dem Papier einiges verspricht. Ob er hält, was er verspricht, liegt noch vor uns.
Warum Onkyo, und was bedeutet das konkret?
Im Zentrum von Klipsch The Fives II, Sevens II, Nines II steht eine sogenannte AV-Receiver-Architektur. Klipsch beschreibt das als gemeinsame Entwicklung mit Onkyo — einem Hersteller, der seit Jahrzehnten AVR-Elektronik baut und heute ebenfalls zur Gentex-Gruppe gehört. Das erklärt, warum die Feature-Liste der neuen Modelle klingt wie die eines kompakten Heimkino-Receivers: Dolby Atmos mit virtuellen Höhenkanälen, Dirac Live Room Correction, DTS:X beim Flaggschiff, HDMI ARC/eARC. Für ein Paar Aktivlautsprecher ist das ungewöhnlich viel.
Was das für die eigentliche Klangqualität bedeutet, lässt sich aus Pressematerialien allein nicht seriös beurteilen. AV-Receiver-Architektur kann je nach Umsetzung sehr vieles bedeuten. Aber allein die Tatsache, dass Dirac Live mit eingebunden wurde, ist ein klares Signal: Hier geht es nicht nur um Features-Bingo.
Dirac Live ist in der Aktivlautsprecher-Welt noch keine Selbstverständlichkeit. Das schwedische Korrektursystem findet sich sonst vor allem in Mittelklasse-AVRs oder deutlich teureren Komponenten. Es analysiert die Raumakustik und passt die Wiedergabe entsprechend an — sauber implementiert ist das ein echter Mehrwert, besonders in Wohnräumen mit ungünstigen Reflexionen. Den Anfang macht Dirac allerdings erst beim Sevens II. Das Fives II geht ohne los — bei 1.299 Euro ein Punkt, über den man nachdenken darf.
Horn und Cerametallic: das Treiberkonzept
Bei der Bestückung bleibt Klipsch der eigenen DNA treu. Alle drei Modelle setzen auf einen 1‑Zoll-Titanium-LTS-Hochtöner mit Tractrix Horn — das charakteristische Merkmal der Marke, das für hohe Effizienz und eine kontrollierte Abstrahlung sorgt. Die Tieftöner laufen unter dem Label “Jet Cerametallic”: 5,25 Zoll im Fives II, 6,5 Zoll im Sevens II, 8 Zoll im Nines II. Alle Gehäuse arbeiten mit Bassreflexöffnung nach hinten.
Die Frequenzgänge laut Hersteller (±3 dB): 50 Hz bis 25 kHz beim Fives II, 39 Hz beim Sevens II, 31 Hz beim Nines II. Das Nines II kommt damit in Territorium, das Subwoofer für viele Anwendungen optional macht — wobei “31 Hz laut Hersteller” wie immer mit dem üblichen Vorbehalt zu lesen ist. Messen werden wir das selbst.
Statt Wattzahlen nennt Klipsch Max-SPL-Werte: 103 dB beim Fives II, 106 dB beim Sevens II, 107 dB beim Nines II — jeweils gemessen als Stereopaar auf einem Meter. Das ist die klipsch-typische Art, Leistung zu kommunizieren, und passt zum Hornlader-Effizienz-Ansatz. Zum Vergleich: 103 dB SPL aus einem Lautsprecherpaar ist für einen normalen Wohnraum mehr als ausreichend, und bei den hornbasierten Klipsch-Treibern braucht es dafür deutlich weniger Verstärkerleistung als bei konventionellen Direktstrahlern.


Neu ist die einteilige BMC-Schallwand (Bulk Molding Compound). Klipsch verspricht weniger Resonanzen und eine verbesserte Abstrahlcharakteristik durch einen kurvenförmigen Radius. Konstruktiv nachvollziehbar — ob das im Hörtest messbar wirkt, steht auf einem anderen Blatt
Konnektivität: die Unterschiede zwischen den Modellen Klipsch The Fives II Sevens II Nines II
Hier lohnt sich ein genauerer Blick, denn die drei Modelle sind nicht gleich ausgestattet.
Das Fives II hat HDMI ARC/eARC mit CEC, RCA Phono, RCA Analog, USB‑C Audio, USB‑A und optisches Digital. Kein separater HDMI-Eingang, kein Koaxial, kein Kalibrierungsmikrofon. Bluetooth 5.4 mit SBC und AAC ist an Bord, ebenso HDMI 2.1 Pass-Through mit 8K, HDR10+, Dolby Vision, VRR, ALLM und HDCP 2.3.
Sevens II und Nines II legen nach: zusätzlicher HDMI-Eingang, koaxialer Digitaleingang und ein dedizierter Kalibrierungsmikrofon-Eingang — letzterer für Dirac Live. Das Kalibrierungsmikrofon liegt bei beiden Modellen bei. Beim Fives II gibt es das nicht, weil Dirac schlicht fehlt.
Streaming läuft bei allen drei über Google Cast, AirPlay 2, Spotify Connect, Tidal Connect und Qobuz Connect. Netzwerk via 2,4/5‑GHz-WLAN (802.11ac, 2×2 MIMO) oder Ethernet. Qobuz ist dabei — gut, weil nicht jeder bei den üblichen Plattformen gelandet ist.
Die kabellose Verbindung zwischen Primär- und Sekundärbox gibt es ab dem Sevens II. Wichtiges Detail aus den Specs: Kabelgebunden läuft die Verbindung mit 96 kHz/24 Bit, kabellos nur mit 48 kHz. Wer Hi-Res ernst nimmt, greift also zum Kabel — oder akzeptiert, dass 48 kHz für die allermeisten Hörszenarien immer noch mehr als ausreichend ist.

Markteinordnung: Was bekommt man wofür?
Der Aktivlautsprecher-Markt zwischen 1.000 und 2.500 Euro ist inzwischen deutlich voller als noch vor ein paar Jahren, als Klipsch mit der Fives-Generation in die aktive Stereo-Welt eingestiegen ist. Die KEF LSX II bewegt sich preislich in ähnlichen Regionen und liefert ein kompaktes, klanglich überzeugendes Paket — allerdings ohne Dirac und ohne HDMI ARC. Klipsch The Fives II, Sevens II, Nines II setzen andere Prioritäten: Tractrix-Horn-Sound, HDMI-Integration, Dolby Atmos.
In der oberen Preisregion trifft man auf aktive Lautsprecher von Buchardt oder Dynaudio, die klanglich auf einer anderen Philosophie basieren — mehr auf konventionelle Direktstrahler-Abstimmung, weniger auf Effizienz durch Hornlader. Wer den Klipsch-Sound kennt und mag, wird sich hier heimisch fühlen. Wer ihn nicht kennt, sollte vor dem Kauf auf jeden Fall hören.



Preise & Verfügbarkeit
- The Fives II: 1.299 Euro pro Paar
- The Sevens II: 1.999 Euro pro Paar
- The Nines II: 2.499 Euro pro Paar
Alle drei Modelle sind ab sofort bei autorisierten Händlern erhältlich. Farboptionen: Roteiche (weiße Schallwand), Walnuss (schwarze Schallwand), Ebenholz (schwarze Schallwand). Passende Ständer — KS-24 für Sevens und Nines, KS-28 für Fives — gibt es optional dazu. Im Lieferumfang bei allen Modellen: Fernbedienung, 4‑Meter-Lautsprecherkabel und HDMI-Kabel. Sevens II und Nines II liefern zusätzlich das Kalibrierungsmikrofon für Dirac mit.
Was bleibt offen?
Klipsch hat mit Klipsch The Fives II Sevens II Nines II einiges auf einmal angepackt: Elektronik neu, Schallwand neu, Feature-Set deutlich ausgebaut. Die Onkyo-Kooperation ist konzeptionell interessant, weil sie echtes AVR-Know-how in ein Aktivlautsprecher-Paar bringt. Ob die Dirac-Limited-Lizenz in der Praxis den Unterschied macht, den man sich erhofft, ob die 31-Hz-Angabe des Nines II der Messung standhält, und ob die neue BMC-Schallwand hörbar was bringt — alles Fragen, die erst am Hörplatz beantwortet werden. Abwarten.
Wer lieber passive Lautsprecher behalten und trotzdem vernetzt hören will, findet mit dem WiiM Amp eine deutlich günstigere Alternative — unser Artikel dazu steht hier.
