miniDSP Tide16 - Front schräg

miniDSP Tide16: 16 Kanäle, Dirac komplett drin, und endlich mal was Neues im AV-Game

Okay, das ist ein Ding. mini­DSP — die Jungs, die man bis­her mit klei­nen DSP-Kis­ten und Mess­mi­kro­fo­nen ver­bin­det — brin­gen mit dem mini­DSP Tide16 ihren ers­ten ech­ten AV-Pro­zes­sor raus. Zwei Jah­re Ent­wick­lung, Dol­by- und DTS-zer­ti­fi­ziert, Hard­ware und Firm­ware bei­des inhouse gebaut. 16 Kanä­le, die kom­plet­te Dirac-Suite inklu­si­ve ART, UMIK‑1 im Kar­ton. 3.500 US-Dollar.

Worum geht’s

Der mini­DSP Tide16 ist eine 16-kana­li­ge AV-Vor­stu­fe mit vol­ler Atmos- und DTS:X‑Dekodierung, HDMI-Umschalt­ma­trix, Blue­tooth-Strea­ming und Dirac-Raum­kor­rek­tur. Und zwar nicht irgend­ei­ne Raum­kor­rek­tur, son­dern die gan­ze Dirac-Rese­arch-Suite: Dirac Live Full Ran­ge, Bass Con­trol, Acti­ve Room Tre­at­ment. Alles per­pe­tu­al lizen­ziert, alles seri­en­mä­ßig. Wer die­se drei Lizen­zen ein­zeln kauft, ist locker 800 Dol­lar los. Hier kos­tet das genau nichts extra.

Das Ding ist kein Mas­sen­markt-AVR. Kein Denon, kein Marantz, kein „alles-läuft-aus-der-Box-mit-zwei-Klicks”. Es ist auch kei­ne 15k-Stor­mAu­dio. mini­DSP selbst sagt: niche capa­bi­li­ty. Und das trifft’s.

Die Hardware

Gehirn: Quad-Core ARM A53 mit 1,8 GHz. 32 Bit Ver­ar­bei­tung, aktu­ell 48 kHz Sam­ple­ra­te intern. Klingt erst­mal wenig, ist aber die Band­brei­te, in der jedes Films­ound­track-For­mat daher­kommt. mini­DSP sagt, 192 kHz sind per Firm­ware-Update irgend­wann drin. Abwarten.

Rein kommt alles:HDMI mit eARC-Port als TV-Rück­ka­nal, 2× Koax und 2× Tos­link S/PDIF, 1× XLR sym­me­trisch, 1× Cinch, 1× USB Audio (UAC2, Ste­reo-PCM), Blue­tooth mit LDAC und APTX HD. Für eine Kis­te, die fürs Wohn­zim­mer gedacht ist, ziem­lich umfang­reich bestückt.

Raus geht’s über 16 sym­me­tri­sche XLRs:ESS ES9017 DACs mit Out­put-Relais, 200 Ω Aus­gangs­im­pe­danz, 4 Vrms Maxi­mal­pe­gel. Fre­quenz­gang 20 Hz bis 20 kHz ±0,05 dB. SNR 125 dB (D→A), A‑gewichtet 127 dB. THD+N bei ‑118 dB, also 0,0001 Pro­zent. Cross­talk ‑120 dB. Alles natür­lich unter AES17-Bedin­gun­gen mit 20-kHz-Tief­pass bei 0 dBFS gemes­sen — sprich: Her­stel­ler­be­din­gun­gen. Real dürf­te da noch Luft zu ech­ten Mes­sun­gen sein. Trotz­dem: das sind kei­ne schlech­ten Papierwerte.

Video: HDMI 1.4/2.0b, 4K60 UHD, 18 Gbps, HDCP 2.3, Dol­by Visi­on zer­ti­fi­ziert. eARC und VRR sind an Bord. Kei­ne vol­le HDMI 2.1 mit 48 Gbps. Dazu gleich mehr, das ist ein eige­nes Kapitel.

Codecs, die sind alle drin, die man haben will: Dol­by Atmos samt Height Vir­tua­liza­ti­on und Atmos Music, Dol­by TrueHD, DTS HD Mas­ter, DTS:X, DTS Neural:X, DTS Virtual:X. Upmi­xer bis 16 Kanä­le (Atmos) bezie­hungs­wei­se 12 Kanä­le (DTS Neural:X). DTS:X Pro mit 16 Kanä­len ist aktu­ell nicht lizen­ziert — kann spä­ter kommen.

Bass-Manage­ment: Bis zu 4 unab­hän­gi­ge Sub­woo­fer-Kanä­le, jeder mit eige­ner Lauf­zeit, EQ und Pegel. In Kom­bi­na­ti­on mit Dirac Live Bass Con­trol ist das genau die Fle­xi­bi­li­tät, die man sonst erst deut­lich wei­ter oben im Preis­re­gal findet.

Das Kist­chen selbst: 432 × 254 × 89 mm. Rack-Ohren sind abnehm­bar, also auch fürs Möbel im Wohn­zim­mer taug­lich. Pas­si­ve Küh­lung, kein Lüf­ter, kein Gezi­schel. Vor­ne ein 1080p-OLED-Color-Dis­play, das nach den ers­ten Bil­dern ziem­lich schick aus­sieht. 23 Watt Idle, 1,3 Watt Standby.

Steu­ern kann man das Ding wie man will: klas­si­sche IR-Fern­be­die­nung im Kar­ton, mini­DSP Device Con­so­le für Mac und Win­dows, Web­GUI im Brow­ser, optio­na­ler KD‑1 Smart Remo­te mit run­dem OLED-Dreh-Enco­der. Crestron‑, AMX- und Savant-Inte­gra­ti­on ist vor­be­rei­tet, REST-API für Bast­ler kommt noch. Dazu 12-V-Trig­ger rein und zwei­mal raus, IR-In, IR-Flasher.

Ein Blick ins Manual

Das User Manu­al des mini­DSP Tide16 ist seit Anfang April online. Wer mini­DSP-Doku schon mal gele­sen hat — weiß, wor­auf zu ach­ten ist: das Signal-Flow-Kapi­tel. Und da wird’s interessant.

Jedes Signal wan­dert beim mini­DSP Tide16 durch die­sel­be Ket­te: Ein­gangs­quel­le wäh­len, Pegel-Off­set, Bass Manage­ment, Matrix Mixer (jede der Ein­gangs­quel­len kann frei auf jeden der 16 Aus­gän­ge gerou­tet wer­den), Dirac-Fil­ter, Para­me­tric-EQ, Cross­overs, Delays, Mas­ter-Volu­me, DAC, raus. Das klingt nach viel, ist aber genau die Ket­te, die man sich als Enthu­si­ast wünscht. Voll­stän­di­ge Kon­trol­le, jede Stu­fe konfigurierbar.

miniDSP Tide16 Flow Diagramm

Der Matrix Mixer ist der Star. Damit lässt sich bei­spiels­wei­se ein voll­ak­ti­ves 4‑Ka­nal-Front-Sys­tem (also je Kanal Hoch- und Tief­tö­ner sepa­rat ange­steu­ert, mit eige­nen End­stu­fen) par­al­lel zu einem 11.2‑Surround-Layout fah­ren. Alles aus einer Kis­te, mit indi­vi­du­el­len Cross­over- und EQ-Ein­stel­lun­gen pro Kanal. Für DIY-Aktiv-Pro­jek­te und Stu­dio-Set­ups ist das Gold.

Was das Manu­al auch zeigt: Ana­log-Ein­gän­ge lau­fen zwangs­läu­fig durch ADCDSPDAC. Einen ech­ten Ana­log-Bypass-Modus, bei dem das Signal an der Digi­ta­li­sie­rung vor­bei­geht, gibt’s nicht. Auch nicht mit deak­ti­vier­tem DSP. Heißt: wer mit einem exter­nen Pho­no-Pre­amp rein will, wan­delt in bei­den Rich­tun­gen. Kein Dra­ma, aber wer sich pure Ana­log-Durch­lei­tung erhofft hat: Pech. Dafür hat mini­DSP ande­re Pro­duk­te im Katalog.

HDMI 2.0b — und warum das Geschrei nur zum Teil gerechtfertigt ist

Der größ­te Auf­re­ger in der inter­na­tio­na­len Bericht­erstat­tung: kein voll­wer­ti­ges HDMI 2.1. In man­chen Foren wird dar­aus schon das K.o. gezim­mert. Das ist zu kurz gedacht.

Was ist drin: eARC, VRR, Dol­by Visi­on zer­ti­fi­ziert. Was fehlt: die 48-Gbps-Pipe­line für 4K120 und 8K60. Für den gewöhn­li­chen Film-Zuspie­ler 2026 — Blu-ray-Play­er, App­leTV 4K, 4K60-Strea­mer — völ­lig aus­rei­chend. Pro­ble­ma­tisch wird’s erst bei Gam­ing-Set­ups mit PS5 Pro, Xbox Series X oder HTPCs, die 4K120 aus­spu­cken wol­len. Und bei ech­ten 8K-Quel­len, die aktu­ell eh kaum jemand hat.

mini­DSP hat sich bewusst ent­schie­den: lie­ber sta­bi­le, zer­ti­fi­zier­te 2.0b-Basis mit den wich­tigs­ten 2.1‑Features, als Marketing‑2.1, das hin­ten raus Hand­shake-Pro­ble­me macht. Wer die Schmer­zen mit wacke­li­ger HDMI-Imple­men­tie­rung bei klei­ne­ren Her­stel­lern kennt, ver­steht die Ent­schei­dung. Für Gamer mit 4K120-Ambi­tio­nen ist’s trotz­dem ein har­ter Kom­pro­miss — für Kino-Enthu­si­as­ten kein Thema.

Preis, Verfügbarkeit, wie man an den miniDSP Tide16 kommt

3.500 US-Dol­lar. Gegen Auf­preis kommt die KD‑1 Smart Remo­te oben­drauf, wer will kann auf ein UMIK-2-Mess­mi­kro­fon upgraden (plus 120 Dol­lar) oder das Mikro­fon kom­plett weg­las­sen (minus 50). In Deutsch­land könn­te das ca. 3.600 Euro bedeu­ten. Müs­sen wir abwarten.

Wer gleich die pas­sen­den End­stu­fen dazu will: mini­DSP hat die AMP8 im Pro­gramm. 8 Kanä­le Class D auf Ice­Power-Basis, 300 Watt pro Kanal, 2.200 Dol­lar das Stück. Zwei davon plus mini­DSP Tide16 gleich schlüs­sel­fer­ti­ges 16-Kanal-Set­up für rund 7.900 Dol­lar. Nicht die güns­tigs­te Kom­bo. Muss man sich ansehen.

Die ers­ten Units sol­len in den kom­men­den Wochen ver­füg­bar werden.

Wo das Ding im Markt steht

Kla­re Sache: Der mini­DSP Tide16 füllt die Lücke zwi­schen Main­stream-AVR und Ultra-High-End-AVP. Denon, Marantz, Yama­ha, Onkyo sind bequem zu bedie­nen, aber DSP-Fle­xi­bi­li­tät ist da Man­gel­wa­re und Dirac kos­tet Auf­preis. Stor­mAu­dio, Trin­nov, Data­sat — alles groß­ar­tig, aber eben auch drei­mal bis fünf­mal so teu­er. Dazwi­schen herrscht aber auch ein rau­her Markt. Mono­pri­ce HTP‑1 mit einem ande­ren Kon­zept, aber ohne Dirac im Bund­le, Anthem mit dem AVM70 und ARC Gene­sis statt Dirac, Arcam AV41 mit Dirac und nicht 100%iger Sta­bi­li­tät, aber mit frisch ange­kün­dig­tem Acam AVP45.

Ziel­grup­pe also: Enthu­si­as­ten mit mehr als 8 Kanä­len, Leu­te mit akti­ven Moni­to­ren im Stu­dio, DIY-Aktiv-Laut­spre­cher-Bast­ler, Cus­tom Inte­gra­tors mit Spe­zi­al­an­for­de­run­gen. Wer ein All-in-One-Press-and-Play-Ding sucht, ist beim mini­DSP Tide16 falsch und wird unglück­lich. Wer end­lich mal die Kon­trol­le über den gesam­ten Signal­pfad haben will, die AVR-Her­stel­ler seit Jah­ren kon­se­quent nicht lie­fern, fin­det hier das Werk­zeug dafür. Zu einem Preis, der rea­lis­tisch bleibt.

Das Fazit vor dem Test

Der mini­DSP Tide16 ist eine Ansa­ge. Hard­ware-sei­tig ordent­lich bestückt, Dirac-Suite kom­plett, Fle­xi­bi­li­tät auf Pro­fi-Niveau, dazu ein ech­ter Effi­zi­enz-Vor­teil durch ARM-Archi­tek­tur und pas­si­ve Küh­lung. Die Kom­pro­mis­se — HDMI 2.0b, 48-kHz-Limit, kein Ana­log-Bypass — sind bewusst gesetzt und pas­sen zur miniDSP-DNA.

Die eigent­li­che Fra­ge ist: wie schlägt sich das Ding in der Pra­xis? Wie sta­bil läuft die HDMI-Stre­cke über Mona­te? Wie gut per­formt Dirac ART im Ver­gleich zu alter­na­ti­ven Raum­kor­rek­tur­sys­te­men? Wie sou­ve­rän arbei­tet die DAC-Stu­fe gegen einen rea­len Signalgenerator?

Das sind die Fra­gen, die sich erst am rea­len Gerät beant­wor­ten las­sen. Und genau des­halb wird’s span­nend. Dran bleiben.

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